Virtueller Rundgang durch Nieder-Olm

Nieder-Olm war in der Vergangenheit lange Jahrhunderte ein wichtiger Amtsort des Kurstaates des Mainzer Erzbischofs. Heute ist Nieder-Olm eine aufstrebende Stadt im Rhein-Main Ballungsraum. Vieles ist den Kriegsereignissen zum Opfer gefallen, dennoch erinnern noch zahlreiche Kulturdenkmäler an die Geschichte des Ortes und das Leben in vergangener Zeit. Die Geschichte der Stadt ist schon in zahlreichen Publikationen wissenschaftlich bearbeitet worden. Dazu zählen der 1983 erschienene und von Karl-Heinz Spieß herausgegebene Band „Nieder-Olm. Der Raum der Verbandsgemeinde in Geschichte und Gegenwart“, die von Dieter Kuhl, Hans-Valentin Kirschner und Elmar Rettinger herausgegebene und 2014 publizierte Stadtgeschichte „Nieder-Olm im Herzen von Rheinhessen. Geschichte und Gegenwart“ sowie die zahlreichen verdienstvollen Bände „Nieder-Olmer Dokumentationen“ von Peter Weisrock. 

Die Inhalte der folgenden Seiten sind 2019 im Druck erschienen: Hans-Valentin Kirschner, Elmar Rettinger: Nieder-Olm im Herzen von Rheinhessen. Ein Rundgang. Nieder-Olm 2019 (ISBN 978-0-00-0653313-3). Wo sich Änderungen ergeben haben, wurden diese aufgenommen.

Elmar Rettinger

Übersichtskarte zu den Rundgangsstationen

Einführung

Die Stadtmitte Nieder-Olms aus der Luft (Aufnahme 2019)[Bild: Luftbildagentur Rath]

Es gibt Aspekte der Geschichte Nieder-Olms, die die Stadt seit Jahrhunderten geprägt haben. Das sind vor allem die hervorragenden naturräumlichen Gegebenheiten und die verkehrsgünstige Lage. Dies ist der Grund, warum Germanen im 5. Jahrhundert den Ort „Ulmena“ gründeten. Als dieser Ort im Jahre 994 erstmals in den schriftlichen Quellen auftaucht, gehörte er schon dem Erzbischof von Mainz, der sich um Mainz herum eine starke Stellung aufbauen konnte. Die Nähe zur Festungs- und Residenzstadt Mainz ist eine weitere prägende Konstante. Zusammen mit der eigenen Ortsbefestigung, war dies Fluch und Segen zugleich; denn Festungsstädte waren attraktiv in Friedenszeiten, erwiesen sich aber in Kriegszeiten als negativ. Regelmäßig wurde Nieder-Olm in militärische Konflikte hineingezogen. Die heutige Zentralfunktion der Stadt hat eine lange Tradition. Spätestens seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts war Nieder-Olm Amtsort unter der Herrschaft des Mainzer Erzbischofs, dessen Stellvertreter in der Laurenziburg seinen Sitz hatte. Der Jahrhunderte langen erzbischöflichen Herrschaft folgte 1792/93 eine kurze demokratische Episode unter dem Schutz französischer Revolutionäre, dann von 1793 bis 1797 extreme politische Unsicherheit und wirtschaftliche Belastungen mitten im Kampfgebiet um die Festung Mainz, anschließend die Eingliederung in den französischen Staat ab 1798 und nach dem Abzug der Franzosen und dem Wiener Kongress 1816 mit dem Großherzogtum Hessen wieder eine neue Herrschaft. Die französischen Reformen, die der hessische Großherzog nicht zurücknehmen wollte bzw. konnte, verliehen der gesamten Region einen Modernitätsschub. 1918 wurde aus dem Großherzogtum ein Volksstaat, der ab 1933 nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wie alle anderen Länder gleichgeschaltet und in die Katastrophe geführt wurde. Vor dem Hintergrund der zahlreichen Zerstörungen findet man abgesehen von Teilen der Kirche in Nieder-Olm so gut wie keine Bausubstanz aus der Zeit vor 1700. Wichtige Gebäude wie die Laurenziburg aus dem 16. Jahrhundert und das Amtsgericht vom Ende des 19. Jahrhunderts, fielen dem Bau von Pariser Straße bzw. Schule und dem Modernisierungsstreben der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts zum Opfer. Nachdem sich die Bevölkerungszahl über Jahrhunderte – bei starken Schwankungen – um ca. 500 bewegt hatte, stieg diese im 19. Jahrhundert rapide an. Nieder-Olm hatte 1835 schon 1.381 und 1905 1.872 Einwohner. Ab 1871 wurde die Gemeinde an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Auch wenn Nieder-Olm weder im Ersten Weltkrieg 1914-1918 noch im Zweiten Weltkrieg 1939-1945 direkte Frontlinie war, bezahlten viele Nieder-Olmer die Kriege mit ihrem Leben, und wurden zahlreiche Gebäude im Ort zerstört. Am 21. März rollten amerikanische Panzer durch Nieder-Olm und läuteten eine neue Zeit ein. Nach 1945 begann in Nieder-Olm eine bemerkenswerte Entwicklung, stieg doch die Einwohnerzahl seit 1950 von 2.760 auf heute ca. 10.500 Einwohner. Dabei hat sicherlich der Bau der Autobahn 63, durch die Nieder-Olm mit zwei Anschlussstellen an die Rhein-Main-Metropolregion angebunden wurde, eine große Rolle gespielt. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang der Rhein-Main-Flughafen Frankfurt mit seiner europäischen Bedeutung, aber auch das kulturelle Angebot sowie die Bildungseinrichtungen des Oberzentrums Mainz. Darüber hinaus entwickelte Nieder-Olm eine eigenständige Anziehungskraft als beliebter Wohnort mit seiner großzügigen Entwicklung von Bauplätzen und seiner hervorragenden Infrastruktur. Das vorschulische Angebot von sechs Kindergärten, teilweise ganztagsorientiert, die schulische Versorgung mit Grundschule, Musikschule, integrierter Gesamtschule (IGS), Gymnasium, Förderschule für Lernen, Schule mit dem Förderschwerpunkt motorische Entwicklung sowie einer Außenstelle der Volkshochschule des Landkreises ist für eine Stadt dieser Größenordnung nahezu einmalig. Die Ausstattung mit vier Großsporthallen (27 von 45 m), einer Gymnastikhalle, drei normalen Sporthallen (15 × 27 m), zwei Sportplätzen mit Nebenanlagen, Tennisplätzen und einer Schießsportanlage ist ebenfalls äußerst großzügig. Nicht zu vergessen die schöne Badelandschaft mit Hallenbad, Freibad, Sauna und einem angeschlossenen Bewegungsforum, die zu Recht den regionalen Namen „Rheinhessen-Bad“ trägt. Die zentrale örtliche Bedeutung als Mittelzentrum wurde auch durch den Sitz der Verbandsgemeindeverwaltung für ca. 33.000 Einwohnern entscheidend begünstigt. Kulturelle Angebote in der Ludwig-Eckes-Festhalle sowie in der Kulturschmiede, der einzigen noch vollständig erhaltenen Schmiede in Rheinhessen, welche die Stadt Anfang der 1980er Jahre erwarb, vervollständigen das kulturelle Angebot Nieder-Olms. Partnerschaften mit Recey-sur-Ource (Frankreich), Bussolengo (Italien) und L´Alcudia (Spanien) sowie über die Verbandsgemeinde mit Głuchołazy (Polen) zeugen von der Offenheit der Stadt und ihrer Bürger. Gute Verkehrsanbindung, ein großes Gewerbegebiet sowie ca. 3500 Arbeitsplätze machen Nieder- Olm zusehends attraktiv. Gründe genug für viele, insbesondere auch junge Familien, in Nieder-Olm Heimat zu finden. Heute ist Nieder-Olm aus dem Schatten einer einst abhängig orientierten Gemeinschaft hineingewachsen in eine eigenständige und selbstbewusste Gesellschaft. Die Entwicklung dürfte noch nicht zu Ende sein. Allerdings bleibt es dabei nicht aus, dass weitere Aufgaben auf die Stadt zukommen, zu denen mit Sicherheit die Gestaltung des innerörtlichen Verkehrs und eine weitere überörtliche Anbindung gehören werden.

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Nieder-Olm im Jahre 1577 - die Mascop-Karte

Nieder-Olm um 1577 - Erläuterungen zum Originalplan

Als der Mainzer Erzbischof im 16. Jahrhundert einen genauen Überblick über seine Besitzungen erhalten wollte, gab er einen Atlas in Auftrag, mit dem der Geometer– heute würde man sagen: der Vermessungsingenieur – Gottfried Mascop beauftragt wurde. Gut, dass Mascop mit der Residenzstadt Mainz und der unmittelbaren Umgebung anfing; denn der Atlas wurde nie fertig. Der Plan von 1577 vermittelt einen guten Eindruck von dem ansehnlichen Burgund Marktflecken Nieder-Olm mit seiner Dorfmauer und seinen 97 Herdstätten, die auf eine Einwohnzahl von damals stattlichen 500 Personen schließen lassen. Burg, Schlossplatz, Pfarrkirche im ummauerten Friedhof, Rathaus und Stockheimer Hof markierten die Ortsmitte. Herausragende Bauten standen in der Pfarrgasse, so die „Vicedoms Behausung“, das Pfarrhaus und die Kurmainzer Kellerei. Das allgemeine Backhaus befand sich in der heutigen Backhausstraße. Ausgehend von der Weede (Viehtränke) in der Großen Wassergasse durchflossen zwei kleine Bäche in offenem Verlauf die Wege. Drei Tore - Mainzer, Saulheimer und Hasenpforte - teils mit Zwingern davor -, sicherten die Ortsausgänge nach Mainz, Alzey und Ebersheim.

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Station 1: Neues Rathaus (Pariser Straße 110)

Neues Rathaus, 1978 eingeweiht.[Bild: Elmar Rettinger]

1972 wurden in Rheinland-Pfalz die Verbandsgemeinden als kommunale Gebietskörperschaften geschaffen. Sie sind Zusammenschlüsse mehrerer selbstständiger Ortsgemeinden oder Städte. Neben eigenen Aufgaben nehmen die Verbandsgemeinden die Verwaltungsaufgaben der Ortsgemeinden wahr. Die aus den Gemeinden Essenheim, Jugenheim, Klein-Winternheim, Ober-Olm, Sörgenloch, Stadecken- Elsheim, Zornheim und der Stadt Nieder-Olm bestehende Verbandsgemeinde Nieder-Olm ist heute Verwaltungs- und Dienstleistungszentrum für ca. 33.000 Menschen (Stand 2018). Das vom Architekturbüro von Dalwig Mainz geplante neue Rathaus wurde 1978 eingeweiht. In ihm haben sowohl Verbandsgemeinde als auch Stadt Nieder-Olm ihren Sitz. Der Bau nimmt die durch den barocken Kirchenbau vorgegebenen Grundlinien auf und übt sich gegenüber den vorhandenen Baukörpern in vornehmer Zurückhaltung. Der Ratssaal, Sitzungssaal von der Verbandsgemeinde und der Stadt Nieder Olm, bietet Raum für kulturelle Veranstaltungen, das Rathaus Foyer eignet sich für Kunstausstellungen. Der von katholischer Kirche, altem und neuem Rathaus umrahmte Rathausplatz bildet die Stadtmitte von Nieder-Olm. Der Platz ist Ort zahlreicher Veranstaltungen. Vor allem der Wochenmarkt, der jeden Dienstag von 14 bis 19 Uhr stattfindet, erfreut sich großer Beliebtheit. Startete er im Juli 2015 mit 8 Ständen, sind es heute regelmäßig über 20 Händler, die heimische und internationale Leckereien anbieten. Die Atmosphäre auf dem Markt ist eine ganz besondere, wobei vor allem der Weinstand eines örtlichen Weingutes ein Garant für den Erfolg ist.

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Station 2: Denkmal NOCC (Rathausplatz)

Bronzeplastik des Logos des Nieder-Olmer Karnevalclubs (NOCC), Liesel Metten 2010[Bild: Elmar Rettinger]

Karneval bzw. Fastnacht ist ein mittelalterliches Fest. Der rheinische Karneval in seiner heutigen Form trat seit den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts ausgehend von Köln seinen Siegeszug an. Im Dunstkreis der Hochburg Mainz erfasste die „Fassenacht“ nach und nach den gesamten rheinhessischen Raum. Nach langen Jahrzehnten „ungeordneten Fastnachtstreibens“ (Krawietz) wurde durch die Gründung des Nieder-Olmer Carneval Clubs (NOCC) im Jahre 1903 auch in Nieder-Olm der Karneval in geordnete Bahnen gelenkt. Seit 1988 verstärkt noch der Nieder-Olmer Carneval Verein 1988 e.V. (NOCV) das Nieder- Olmer Fastnachtswesen. Für den NOCC gestaltete die Nieder-Olmer Künstlerin Liesel Metten 2010 eine Jubiläums-Skulptur. Sie nahm sich dafür den vom Bildhauer Heinz Müller- Olm gestalteten Orden zum 50-jährigen Jubiläum des NOCC aus dem Jahre 1953 zum Vorbild. Die Skulptur bezieht sich auf den Spitznamen der Nieder- Olmer, „die Windbeidel“. Wahrscheinlich trug die Sonderstellung Nieder- Olms als Verwaltungszentrum dazu bei, dass die Nieder- Olmer manchmal besserwisserisch auf die kleineren Nachbargemeinden herabblickten. So soll man bei ihrem Erscheinen ausgerufen haben: „Ewe kumme se widder – die Windbeidel aus Nerrolm.“ Es handelt sich um ein Modell 1:10. Geplant war eigentlich eine bespielbare Skulptur für Kinder zum Drauf- und Durchklettern. Vielleicht findet sich ja noch ein Gönner, der dabei hilft, den ursprünglichen Traum zu verwirklichen.

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Station 3: Geburtshaus Wilhelm Holzamers (Pariser Straße Nr. 113)

Holzamer-Gedenktafel am Geburtshaus Wilhelm Holzamers.[Bild: Elmar Rettinger]

„Alle große Literatur ist im ersten Moment Heimatliteratur“ (Jens Frederiksen). Das gilt im Besonderen für Wilhelm Holzamer. Sein Leben verlief ebenso sprunghaft wie dramatisch: geboren in Nieder-Olm im Jahre 1870, Lehrerausbildung in Bensheim, Lehrtätigkeit in Heppenheim, Zurücklassen von Frau und Kindern, Aufenthalt in Paris, verstorben 1907 in Berlin im Alter von nur 37 Jahren an Diphterie. Insgesamt stammen sieben Romane aus seiner Feder. Sein bekanntestes Werk, das kurz vor seinem Tod entstand und dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebt hat, trägt den Titel „Vor Jahr und Tag“. In diesem Roman spiegeln sich die Zeit der politischen und technischen Umbrüche, des österreichisch-preußischen Krieges und der Bau der Eisenbahn in der kleinen Welt von Nieder-Olm wider. Holzamer zeichnet eine Sprache aus, „die für alles, selbst das unvernünftigste Tändeln und Wanken, das unerklärlichste Seitwärts und Zurück der Figuren ein ebenso unangestrengtes wie frappierendes Bild findet.“ (Jens Frederiksen). Der frühe Tod des Schriftstellers hat verhindert, dass er als einer der ganz Großen in die Annalen der Literaturgeschichte einging. Seit 1930 erinnert eine Bronzetafel an seinem Geburtshaus an Wilhelm Holzamer. Mithilfe des Wilhelm-Holzamer-Literaturwegs (Station 4) kann man auf den Spuren des Dichters durch die Stadt und die Gemarkung von Nieder-Olms wandeln.

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Station 4: Wilhelm-Holzamer-Literaturweg (Pariser Straße)

Informationstafel und Startpunkt des Holzamer-Rundwegs[Bild: Elmar Rettinger]

Die Stadt Nieder-Olm würdigt Wilhelm Holzamer seit 2009 mit einem Literaturweg, dessen Ausgangspunkt das neue Rathaus gegenüber seinem Geburtshaus ist. Vier Wanderwege in Stadt und Gemarkung lassen den Interessierten auf den Spuren Wilhelm Holzamers wandeln. Stelen und Schilder weisen an ausgewählten Punkten der Wanderwege auf die mit den jeweiligen Orten verbundenen Romane hin. Dem Schneider „Peter Nockler“ widmete Holzamer seinen Debutroman. Schräg gegenüber dessen Wohnhaus in der Pariser Straße steht der ehemalige Gasthof „Zur schönen Aussicht“ (Station 15), der in seinem letzten Roman „Vor Jahr und Tag“ eine Rolle spielt. Sogar die Friedhofsmauer ist ein Romanschauplatz. Weiter Richtung Stadtmitte steht das Wohnhaus Andreas Holzamers, des Großvaters Wilhelms, dem der Dichter in der Erzählung „Sein letztes Hochamt“ ein Denkmal gesetzt hat. Stationen in der Umgebung der Stadt sind die Eulenmühle (Station 31), die Holzamer in „Der Entgleiste“ beschrieb, und die Wiesenmühle, die Schauplatz der Erzählung „Der Freite“ ist, um nur einige zu nennen. Zitate und Auszüge auf dem Rundweg befriedigen die Neugier der Holzamer-Freunde.

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Station 5: Burgschule (Burgstraße 15)

Ansicht der Laurenziburg 1811 (Gemälde von Ernst Leifke nach einem Aquarell von Nanette Baetz)[Bild: Privatbesitz Hans-Valentin Kirschner]

Der Name der Burgschule erinnert an eine Burganlage, die den Ort über lange Jahrhunderte geprägt hat. Aufgrund der Lage im Selztal an der Fernstraße von Mainz-Alzey-Kaiserslautern nahm Nieder-Olm für die Ortsherren, die Mainzer Erzbischöfe, eine strategische Schlüsselstellung ein. Daher errichteten sie hier um 1275/83 eine Burg, die neben Burg Klopp in Bingen wichtigster territorialer Eckpfeiler erzbischöflicher Macht in der Region des späteren Rheinhessens war. Der spätgotische Ausbau zu einem repräsentativen Amtssitz erfolgte 1503. Die dem hl. Laurentius geweihte Burgkapelle gab der Burg den Namen Laurenziburg. Die massive Anlage mit ihren vier Ecktürmen bildete zusammen mit der Ortsbefestigung ein beeindruckendes Verteidigungssystem. Durch die zahlreichen Kriegsereignisse des 17. und 18. Jahrhunderts schon schwer in Mitleidenschaft gezogen, fiel die Burg dem Bau der Pariser Straße ab 1806 und dem Neubau der Schule in den 50er Jahren gänzlich zu Opfer. Damals hat man die Chance zur Erhaltung historischer Bausubstanz nicht genutzt. Heute stehen auf dem früheren Schlossareal die modernen Bauten des neuen Rathauses sowie ein Schulkomplex, der durch seinen Namen „Burgschule“ die Erinnerung an die Laurenziburg ein wenig am Leben erhält. Die Burgschule ist heute mit ca. 430 Schülerinnen und Schülern in 20 Klassen eine der größten Grundschulen in Rheinland-Pfalz. 2019 wurde der neugestaltete Pausenhof eingeweiht, wobei sich die Gestalter von der Erinnerung an die ehemalige Laurenziburg haben leiten lassen.

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An die Laurenziburg erinnert heute nur noch der Name der "Burgschule"[Bild: Elmar Rettinger]
Grashüpfer auf dem Pausenhof, Liesel Metten[Bild: Elmar Rettinger]
Spielburg auf dem neugestalteten Pausenhof[Bild: Elmar Rettinger]

Station 6: „Wasservögel“ (Pariser Straße 101)

Die "Wasservögel", Johannes Metten 1978 [Bild: Liesel Metten]

Das Künstlerehepaar Liesel und Johannes Metten lebt seit 1961 in Nieder-Olm und gehört zu den renommiertesten Künstlern bundesweit. Die Kunst der Mettens prägt den gesamten öffentlichen Raum in Nieder-Olm (Stationen 2, 6, 9b, 12, 19, 22, 27, 29) Die von Johannes Metten 1978 geschaffene Skulptur die „Wasservögel“ ist das erste Werk der Mettens in Nieder-Olm. Zwei Wasservögel, die von einer Wasserfontäne umspült werden, steigen mit ihren Hälsen hoch und nehmen unsere Gedanken und Träume mit nach oben. Ein dritter Vogel, der seitlich ausbricht, soll unsere Erdverbundenheit symbolisieren. Die Skulptur wurde frei in Wachs aufgebaut und in der eigenen Gießerei in Bronze gegossen. Im Juli 1978 wurde der Brunnen anlässlich der Rathauseinweihung als „Kunst am Bau“ seiner Bestimmung übergeben. Durch die Umgestaltung des Stadtmittelpunktes in Nieder-Olm, haben die „Wasservögel“ 32 Jahre später vor dem alten Rathaus und der katholischen Kirche einen neuen, sehr schönen Standort gefunden.

Nachdem er noch im November 2019 im Kreis seiner Familie seinen 90. Geburtstag feiern konnte, ist Johannes Metten am 27. April 2020 verstorben. Der Maler und Bildhauer Johannes Metten wuchs in Nieder-Olm auf. Hier hat er zusammen mit der Künstlerin Liesel Metten seine Familie gegründet. Bekannt wurde Johannes Metten durch seine sogenannten „Mutanten“, Fabelwesen, die zum Beispiel in Mainz zu bewundern sind. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen. In Nieder-Olm werden die „Wasservögel“ immer an ihn erinnern.

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Station 7: Altes Rathaus (Pariser Straße 101)

Altes Rathaus von 1827[Bild: Elmar Rettinger]

An exponierter Stelle, an der Pariser Straße direkt neben der Kirche, wurde 1827 ein repräsentatives Gebäude errichtet. Architekt des Gebäudes war sehr wahrscheinlich der Mainzer Landbaumeister Friedrich Schneider, der damals für das öffentliche Bauwesen in der Provinz Rheinhessen verantwortlich war. Das Gebäude diente ursprünglich als Friedensgericht. Friedensgerichte waren eine niedrige Instanz der Gerichtsbarkeit (vergleichbar mit unseren heutigen Amtsgerichten). Von 1797 bis 1814 war Nieder-Olm Teil des französischen Staates. Diese Zeit war mit zahlreichen Reformen verbunden, die der gesamten Region einen Modernitätsschub verliehen. Dazu gehörten vor allem die Trennung von Verwaltung und Gerichtsbarkeit sowie eine neue Gesetzgebung. So waren 1797 von den Franzosen in den Kantonsorten (vergleichbar mit unseren heutigen Verbandsgemeinden) Friedensgerichte eingeführt worden. Als der Großherzog von Hessen 1816 zusammen mit Rheinhessen auch Nieder-Olm übernahm, behielt er die fortschrittliche französische Gesetzgebung und Gerichtsbarkeit bei und ließ in Nieder-Olm ein eigenes Gebäude für das Friedensgericht bauen. Die Architektur symbolisiert mit ihrem klassizistischen, würdevollen Ausdruck die Funktion des Gebäudes. Der doppelgeschossige Putzbau verfügt über ein Walmdach und eine Fassade von fünf Achsen. Bis 1894 diente das Gebäude als Friedensgericht, danach bis zum Ersten Weltkrieg als Lehrerwohnung und schließlich bis 1977 als Rathaus. Heute befinden sich hier Begegnungs- und Veranstaltungsräume der Stadt Nieder-Olm.

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Station 8: Katholische Kirche St. Georg (Pariserstraße 99 / Ecke Alte Landstraße)

Katholische Kirche St. Georg[Bild: Elmar Rettinger]

Eine Kirche wird in Nieder-Olm erstmals 1167 erwähnt, als Pfarrkirche wird sie 1324 bezeichnet. Da sie allerdings St. Georg geweiht ist, kann man vermuten, dass es sich um eine Stiftung des Mainzer Bischofs Sidonius (565/566) handelte. Auf den ersten Blick fallen die unterschiedlichen Baustile der heutigen Kirche ins Auge. Als Nachfolgebau eines älteren Kirchengebäudes entstand im frühen 12 Jahrhundert eine romanische Kirche aus Stein. Davon sind noch die unteren Stockwerke des Turmes erhalten. Um 1400 wurde der Choranbau, die heutige Katharinenkapelle, angefügt. Zwischen 1777 und 1779 errichtete man anstelle des nach Osten ausgerichteten gotischen Langhauses einen um 90 Grad gedrehten spätbarocken Neubau. Die für ländliche Gemeinden anspruchsvolle Fassade geht auf Pläne des kurmainzischen Baudirektors Jakob Josef Schneider zurück. In einer Wandnische hoch über dem Portal steht die vom Mainzer Bildhauer Nikolaus Binterim geschaffene Figur des Kirchenpatrons, des hl. Georg. Wie zahlreiche Kirchen in der Umgebung hat auch St. Georg wertvolle Teile seiner barocken Ausstattung der Auflösung zahlreicher Mainzer geistlicher Institute im Zuge der Säkularisierung zu verdanken. Dazu gehören der Altarbaldachin (ehem. Kloster Reichklara) und der Prospekt der Orgel (ehem. Kloster Armklara). Unter den Heiligenfiguren ragt eine spätgotische Madonna aus der Zeit 1490/1500 heraus. Die verwitterten Sandsteingrabmäler an der Außenseite der Kirche stammen vom ehemaligen Friedhof und wurden beim Bau des barocken Kirchenschiffs an ihren heutigen Platz gestellt.

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Station 9: Katholisches Pfarrhaus (Alte Landstraße 30)

Das heutige katholische Pfarrhaus[Bild: Elmar Rettinger]

Bis 1914 residierte der katholische Pfarrer in einem langgestreckten, zweigeschossigen Krüppelwalmdachbau in der Pfarrgasse (Nr. 3), der 1765 unter dem Mainzer Domkapitel erbaut worden war. Hier stand auch schon der im Mascopschen Plan von 1577 dokumentierte Vorgänger des Pfarrhauses. Das heutige katholische Pfarrhaus bei der Kirche nimmt den Platz des einstigen Hofes derer von Stockheim bzw. später vermutlich des Mainzer Domkapitels ein. Ein Johann von Stockheim war im 16. Jahrhundert kurmainzischer Amtmann zu Olm. Der sehr stattliche massive Putzbau erhebt sich über einem tonnengewölbten Keller und besitzt ein hohes schiefergedecktes Walmdach. Mächtige Torpfeiler aus Sandstein mit profilierten Kopfstücken und Kugelaufsätzen flankieren die Einfahrt zum natursteingepflasterten Hof. Die großvolumigen Ökonomietrakte wurden in den 1980er Jahren durch ein neues Gemeindezentrum abgelöst. Ein im Hof aufgestelltes hohes Sandstein-Portal ist aus ursprünglich nicht zusammengehörigen barocken Architekturteilen (um 1700?) komponiert, die früher wohl entweder in einem herrschaftlichen Barockbau oder im Vorgänger des Langhauses der katholischen Kirche ihren Platz hatten. Heute wird von hier die Pfarrei St. Franziskus von Assisi, die aus den Kirchen St. Georg in Nieder-Olm, St. Bartholomäus in Zornheim und Mariä Opferung in Sörgenloch besteht, verwaltet. Dazu gehören auch je eine Bücherei und je ein Kindergarten & Familienzentrum in Nieder-Olm (Camarahaus) und Zornheim (Bartholomäushaus). Es gibt Angebote und Aktivitäten für alle Altersgruppen.

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Station 9a: Büchersessel (Liesel Metten)

Büchersessel, Liesel Metten 2019[Bild: Elmar Rettinger]

Der Nieder-Olmer Büchersessel von 2019 ist eine von vier neuen Bronzeplastiken, die die Künstlerin gemeinsam mit Kindern der Nieder-Olmer Liesel-Metten-Schule mit dem Förderschwerpunkt motorische Entwicklung geschaffen hat. Dafür hatten Schülerinnen und Schüler insgesamt über 400 echte Bücher eingegipst und zu einem großen Sessel zusammengefügt, der dann in Bronze gegossen wurde. Gewidmet ist der Nieder-Olmer Büchersessel dem Schriftsteller Wilhelm Holzamer, einem Sohn der Stadt, in dessen Romanen die Stadt Nieder-Olm eine wichtige Rolle spielt. So spielt Holzamers Novelle „Sein letztes Hochamt“ in der Nieder-Olmer St. Georg Kirche und war damit auch ausschlaggebend für den gewünschten Standort des Büchersessels. Finanziert wurden die für den Bronzeguss notwendigen 20.000 Euro durch eine Crowdfunding-Aktion der Bürgerstiftung Rheinhessen.

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Station 10: Kruzifix (Domherrnstraße 2)

Kruzifix vor dem Schlosshof Meuser[Bild: Elmar Rettinger]

In Nieder-Olm findet sich eine ganze Reihe markanter Kleindenkmäler. Die für den stark katholisch geprägten Landstrich um Mainz typischen Wegekreuze und Heiligenhäuschen verteilen sich über die gesamte Ortslage und künden von einer tiefen Volksfrömmigkeit. Der Name der Straße deutet auf Besitz des Mainzer Domkapitels hin, das seit dem 11. Jahrhundert einen Hof in Nieder-Olm besaß. Das vermutlich 1765 aufgestellte Kruzifix steht vor dem Schlosshof Meuser, einer landwirtschaftlichen Hofanlage aus dem 19. Jahrhundert, die 2016 als Wohn- und Geschäftsanlage umgebaut wurde. Die Besonderheit des Kreuzes besteht in dem Hochrelief am Kreuzstamm, das sich als hl. Katharina deuten lässt. Die Figur ist leider stark verwittert, doch sind  Krone und Palmzweig deutlich und das Schwert, auf das sie sich mit der rechten Hand stützt, im Ansatz zu erkennen. Das Rad, mit dem die Heilige in der Regel dargestellt wird, ist möglicherweise dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Katharina - so die Legende - wurde wegen ihres Glaubens mit dem Schwert getötet. Dies ist ein in dieser Form eher seltenes Motiv, findet man doch an dieser Stelle häufig die hl. Maria Magdalena. Weitere Kreuze finden sich an der Ecke Kreuzstraße/ Leher Weg (1771), in der Kleinen Untergasse 29 (ca. 1770), am Nordende der Oppenheimer Straße (2. Hälfte 19. Jh.) und in der Backhausstraße (Station 20).

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Station 11: Bischofsmühle (Wassergasse 64)

Bischofsmühle, Neubau von 1811[Bild: Elmar Rettinger]
Oberlichtportal der Bischofsmühle[Bild: Dieter Krienke (GDKE)]

Mühlen spielten früher eine zentrale Rolle in der dörflichen Wirtschaft. Begünstigt durch zwei ergiebige Quellen am Ebersheimer und Zornheimer Berg gab es bis in die 1830er Jahre in der Gemarkung von Nieder- Olm zahlreiche Mühlen. Die Bischofsmühle ist die älteste von allen. Sie findet schon in der Gemeindeordnung von 1491 Erwähnung. Die Mühle wurde von einem am Ebersheimer Berg entspringenden Bach angetrieben. Der Bach lief damals unter der Stadtmauer hindurch, versorgte sowohl die Mühle als auch die Weede (Viehtränke) und teilte sich dann in die Wassergasse und kleine Wassergasse, deren Namen noch heute auf den damals oberirdisch verlaufenden Bach hinweisen. Laut Dorfbeschreibung von 1590 gehörte die Mühle dem Mainzer Bischof. Die Einwohner von Nieder-Olm waren verpflichtet, dort ihr Korn mahlen zu lassen. Im Jahre 1811 übernahm Friedrich Körber die Mühle, die er abreißen und neu aufbauen ließ. Die Bezeichnung „FK 1811 CA“ über dem Eingangsportal erinnert an den neuen Besitzer und seine Frau Catharina Alberti. Nach dem Bau der Eisenbahn ab 1868 wurde der Bach in einer künstlichen Rinne an der Seite der Brücke zur Mühle geführt. 1982 stellte der damalige Eigentümer August Büchler den Mühlenbetrieb ein. Der heutige Besitzer ist die Familie Zimmermann, die das Anwesen seit 2009 als reines Weingut betreibt. Der 26-jährige Winzermeister Max Zimmermann, der heute als Betriebsleiter 12 ha bewirtschaftet, hat sich in der Region und darüber hinaus mit der Qualität seiner Erzeugnisse einen guten Namen gemacht.

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Station 12: „Gänseliesel“ (Wassergasse)

"Gänseliesel", Liesel Metten 1994[Bild: Liesel Metten]

Gänse spielen in der Geschichte eine wichtige Rolle. Dass die Gänse im Jahre 387 v.Chr. durch ihr Geschnatter die Römer vor einem keltischen Überfall bewahrt haben sollen, oder dass sie 371/72 n.Chr. St. Martin verrieten, als er sich vor den Bürgern von Tours versteckte, die ihn zum Bischof machen wollten, sind eher Legenden. Sicher ist, dass Gänse in der dörflichen Wirtschaft eine wichtige Rolle spielten. Zum einen war ihr Fleisch schmackhaft, zum anderen nutzte man ihre Federn in Kissen usw. und schließlich schrieb man noch bis ins 20. Jahrhundert mit Gänsefedern. Die Gänseliesel ist eine beliebte Brunnenfigur und findet sich in zahlreichen Städten. Der bekannteste Gänseliesel-Brunnen steht seit 1901 in Göttingen und ist das Wahrzeichen der Stadt. Als die Wassergasse im Zuge der Dorferneuerung neu gepflastert wurde, gab es eine Absprache mit dem Hausbesitzer, den kleinen Platz mit einer Figur von Liesel Metten zu schmücken. Dabei bot sich das Thema „Gänseliesel“ an. Schließlich sind Gänse Wasservögel, und durch die Wassergasse floss früher ein offener Bach. Liesel ist die Kurzform von Elisabeth, der auch der Vorname der Künstlerin ist. So hat seit 1994 auch Nieder-Olm seine Gänseliesel. Die Gruppe besteht aus zwei frech vorauswatschelnden Gänsen und einer Gänseschar. Die Kinder von heute sollen die Eigenheiten des Dorflebens von damals hautnah erleben, wie die Gänse schnatternd durch die Wassergasse zogen. Die Künstlerin modellierte die Figuren in Styropor, die im Anschluss in Landshut gegossen wurden.

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Station 13: Wohnhaus (Pariserstr. 83)

Klassizistisches Wohnhaus von 1830/31[Bild: Elmar Rettinger]

Im Kontrast zu den bäuerlich geprägten Anwesen zeugt das Anwesen in eindrucksvoller Weise von der gehobenen Wohnkultur des 19. Jahrhunderts. Es wurde 1830/31 für den Friedensrichter Dr. Karl Wagner in der zurückhaltenden Formensprache des Klassizismus am damaligen Ortsausgang in Richtung Mainz erbaut. 1904 wurde es Notariat unter Dr. Bernhard Pfeifer und blieb es bis in die 1930er Jahre. Der verputzte, ansehnliche Baukörper unter Satteldach zeigt eine gleichmäßige Reihung einfacher sandsteingerahmter Rechteckfenster mit Klappläden in vier bzw. fünf Achsen. Allein in den Giebelspitzen befinden sich zeittypische Fenster in Halbkreisform. Ein Gurtgesims trennt die Geschosse. Der Hauseingang auf der Schmalseite hat seine kassettierte Biedermeiertür mit geschnitzten Ornamenten bewahrt. Im Innern ist noch weitgehend die vornehme Ausstattung des 19. Jahrhunderts vorhanden. Das Nebengebäude, das früher Pferdestall und Remise bzw. Waschküche aufnahm, wurde durch Rundbogenfenster aufgewertet. Der um 1890 angelegte, ummauerte Garten geht in seiner Planung auf Heinrich Siesmeyer aus Bockenheim bei Frankfurt am Main zurück.

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Station 14: Evangelische Kirche (Pariser Straße 44)

Evangelische Kirche, 1861-1865 errichtet[Bild: Elmar Rettinger]
Brunnen und Kirchenportal von Blasius Spreng[Bild: Elmar Rettinger]

Obwohl Protestanten in Mainz schon in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts eine zunehmende Rolle im öffentlichen Leben spielten, konnte sich dort erst unter französischer Herrschaft eine ev. Kirchengemeinde bilden. In Nieder-Olm war dies erst 1856 der Fall. Die 1861-1865 erbaute Kirche sollte als wirkungsvoller städtebaulicher Blickpunkt der Hauptdurchgangsstraße zur Geltung kommen. Es handelt sich um einen der letzten Entwürfe des 1866 verstorbenen Mainzer Kreis- und Provinzialbaumeisters Ignaz Opfermann. Die kleine Saalkirche zeigt einen Rundbogenstil spätklassizistischer Färbung unter Einarbeitung historisierender Elemente. Die südliche Giebelfassade dominiert der schlanke eingestellte Turm, der über die leicht hervortretende Mittelzone aufragt. Die Bronzetür und der Brunnen auf dem Vorplatz von 1972/1973 gehen auf Entwürfe des Münchner Professors Blasius Spreng zurück, der durch den Mainzer Fastnachtsbrunnen Bekanntheit erlangt hat. Das Relief im Portalbogen mit dem thronenden Christus zwischen Evangelistensymbolen schuf der Mainzer Bildhauer Heinz Hemrich 1963 in Anlehnung an romanische Vorbilder. Im Innern überrascht ein für protestantische Kirchen ungewohnter Blickfang: eine bewegte barocke Madonnenfigur des 18. Jahrhunderts, die erst in den 1960er Jahren als Stiftung in die Kirche kam. Die von Erhardt Klonk, Marburg, 1963/64 konzipierten farbenprächtigen Glasfenster illustrieren biblisches Geschehen, das sich auf die sechs Bitten des Vaterunsers bezieht. Zu den Angeboten der ev. Gemeinde gehört neben vielen Aktivitäten auch ein Kindergarten.

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Station 15: Wirtschaft „Zur schönen Aussicht“ (Pariser Straße 41)

Ehemalige Wirtschaft "Zur schönen Aussicht", heute Wohnhaus und Atelier von Liesel Metten[Bild: Elmar Rettinger]

Die Grundmauern des Gebäudes gehen auf das Jahr 1814 zurück. Im Jahre 1877 kaufte Philipp Metten das Haus und eröffnete dort eine kleine Weinwirtschaft. Bauern aus der näheren Umgebung ließen ihr Korn in der gegenüberliegenden Hubertusmühle mahlen und kehrten zu einem Schoppen ein. So lernte wohl um das Jahr 1880 Wilhelm Holzamer als zehnjähriger Bub die Wirtschaft kennen. Die Geschichten, die er dort hörte, verarbeitete er später in seinen eigenen Werken, insbesondere in den Romanen „Vor Jahr und Tag“ und „Peter Nockler“. 1898 wurde in diesem Haus Philipp Faust, der Arbeiterdichter, geboren. Aus dem Haus stammt der Rheinhessenmaler Jean Metten, in dessen Werken man die Liebe zu seiner Heimat spürt. Die Wirtschaft zur schönen Aussicht ist heute das Wohnhaus des Künstlerehepaars Liesel und Johannes Metten, die seit 1961 hier leben. Viele Gäste sah das Haus, auch Künstler und Verleger fanden sich ein. Häufiger Gast im Haus war der junge Bildhauer Heinz Mueller-Olm. Die noch heute am Haus befindliche Madonna fertigte er im Auftrag von Andreas Metten an. Johannes Metten, der Neffe des „Rheinhessenmalers“ Jean Metten verdiente seinen Lebensunterhalt mit dem Bau von Fastnachtswagen für den Mainzer Rosenmontagszug. Von ihm stammt der Rathausbrunnen, die Wasservögel (Station 6). Die aus Recklinghausen stammende Liesel Metten studierte in den 50er Jahren bei Prof. Kirchner bildende Kunst. Liesel Metten war durch die fünf Kinder, die sie geboren hatte, auf die Idee der bespielbaren Skulptur gekommen. Sie ist für ihr Werk, das Nieder-Olm und die ganze Region prägt, mehrfach ausgezeichnet worden.

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Station 16: Christlicher Friedhof

Kriegerdenkmal des Ersten Weltkriegs, Heinz Müller-Olm 1937[Bild: Elmar Rettinger]
Relief des Auferstandenen, Heinz Müller-Olm 1957[Bild: Dieter Krienke (GDKE)]
Pietà, Heinz Müller-Olm[Bild: Elmar Rettinger]

Friedhöfe sind immer auch historische Zeugnisse. Wenn man über einen Friedhof geht, blättert man gleichsam in einem Buch. Der alte Teil des Nieder-Olmer Friedhofs wurde 1806 eröffnet, die seit dem Mittelalter bestehende Begräbnisstätte an der katholischen Kirche in der Folgezeit aufgelassen. Denkmäler markieren Zeitabschnitte, so der Obelisk als Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Eine Besonderheit ist die nachträgliche Widmung an die Teilnehmer der China-Expedition von 1900/01. Am Beispiel des Friedhofs lässt sich die künstlerische Entwicklung von Heinz Müller-Olm ablesen. Die als Friedhofskreuz intendierte Kreuzigungsgruppe von 1936 wirkt starr und schwer. Das von ihm 1937 geschaffene Kriegerdenkmal für den Ersten Weltkrieg entspricht in seinem heroisch-monumentalen Ausdruck der Zeitströmung schon vor der Zeit der Nationalsozialisten. Die Weiterentwicklung des Künstlers wird deutlich an der Figur des Auferstandenen von 1957, die an der Eingangswand der Friedhofskapelle angebracht ist. Sie kündet, ebenso wie die trauernde Pietà auf seinem eigenen Grab, von dem Bruch mit der alten Welt. Nachdem der Friedhof in den siebziger Jahren zu klein wurde, wurde daneben ein neuer Teil angelegt. Ein Waldfriedhof mit viel Grün, keine geraden Linien, wie bei dem alten Friedhof, sondern von Bögen und einem Rondell geprägt. Im Zentrum findet sich das schlichte und beeindruckende Grab des Unternehmers und Ehrenbürgers Ludwig Eckes, ein Werk des Münchner Künstlers Blasius Spreng.

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Station 17: Jüdischer Friedhof

Jüdischer Friedhof[Bild: Elmar Rettinger]

Als sich im Jahre 1855 in Nieder-Olm eine jüdische Gemeinde bildete, dürfte auch der jüdische Friedhof angelegt worden sein. Dass sich dieser in direkter Nachbarschaft zum christlichen Friedhof befindet, ist ein Dokument der gesellschaftlichen Gleichberechtigung der Juden im 19. Jahrhundert. Jüdische Friedhöfe unterscheiden sich von christlichen: Weil im Tode alle Menschen gleich sind, gibt es bis ins 18. Jahrhundert gleichförmige Grabsteine. Das änderte sich erst im 19. Jahrhundert. Blumenschmuck ist in der jüdischen Tradition nicht üblich, stattdessen werden kleine Steine auf die Grabplatten gelegt. Die Gräber lässt man mit Efeu und Gras überwachsen. Der Friedhof ist etwa 500 m² groß. Die 26 in Reihen aufgestellten Grabmäler, größtenteils für Angehörige der Familien Deutsch und Mayer, stammen aus der Zeit zwischen 1879 und 1934. Kennzeichnend ist die hebräische Beschriftung der älteren Stelen. Als einziger aufwendig behandelter Grabstein hebt sich jener für die um 1890 verstorbene Karoline Kramer geborene Baum heraus. Er ist mit einer dreiteiligen Bogenblende, die ein Ranken-Blüten-Fries überfängt und vom Relief einer Palme bekrönt wird, geschmückt. Ab 1900 weisen die Grabmale zunehmend Jugendstilanklänge auf. Nach 1934 wurde hier niemand mehr beigesetzt. Da die 1856 in der Mittelgasse erbaute Synagoge (Station 21) 1945 im Krieg zerstört wurde, bleibt der Friedhof, der seit 1974 bewusst in den christlichen Friedhof eingebunden wurde und auch von diesen aus betreten werden kann, die einzige anschauliche Erinnerung an die jüdische Gemeinde.

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Station 18: Rheinhessendenkmal (Georg-Taulke-Allee)

Rheinhessen-Denkmal, 2016[Bild: Elmar Rettinger]

Nachdem die französische Herrschaft am Rhein zusammengebrochen war, gab man auf dem Wiener Kongress Europa eine neue politische Ordnung. Die hiesige Region kam 1816 an den Großherzog von Hessen, der seine Neuerwerbung „Rheinhessen“ nannte. Zum 200. Jahrestag der Gründung Rheinhessens im Jahre 2016 wurde auf Initiative des damaligen Obermeisters der Bildhauer- und Steinmetz-Innung Rheinhessen, Johannes Braum (†), ein aus drei Sandsteinblöcken bestehendes und 18 Tonnen schweres „Rheinhessentor“ eingeweiht. Das Rheinhessentor signalisiert allen: Willkommen in Rheinhessen! Dass man mit Absicht einen Schweinstaler Sandstein aus einem pfälzischen Steinbruch genommen hat, ist vielleicht – so darf man augenzwinkernd vermuten – ein Zeichen der Verbundenheit mit der Nachbarregion Pfalz, die damals Teil Bayerns war. In den unbehauenen Stein haben verschiedene Steinmetzbetriebe Charakteristika des heutigen Rheinhessens eingemeißelt: ein stilisiertes Besitzergreifungspatent (Steinmetzbetrieb Fuchs/Mainz-Weisenau), eine Karte von Rheinhessen (Fuchs/Mainz-Zahlbach), die Wappen der Stadt Nieder-Olm und ihrer Partnerstädte (Gross/Ingelheim) eine Narrenkappe (Weisenborn/ Nieder-Olm), Trauben, Gläser und Weinflaschen (Sauer/Budenheim) und Porträts der Literaten Carl Zuckmayer, Anna Seghers und Wilhelm Holzamer (Johannes Braum). Material und Arbeitsleistung wurden von Mitgliedsbetrieben der Innung getragen, die Kosten für die Platzgestaltung hat die Kulturstiftung Peter E. Eckes übernommen.

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[Bild: Elmar Rettinger]
[Bild: Elmar Rettinger]
[Bild: Elmar Rettinger]
[Bild: Elmar Rettinger]
[Bild: Elmar Rettinger]

Station 19: „Brezelfresser“ (Backhausstraße)

Skulptur "Bretzelfresser", Liesel Metten 1991[Bild: Elmar Rettinger]

Der Name der Backhausstraße erinnert an das alte Gemeindebackhaus. Schon auf dem Mascopschen Plan von 1577 findet sich hier ein „Gemein Backhaus“. Ländliche Backhäuser waren einfache Zweckbauten. Alle Gemeindemitglieder waren verpflichtet, dort zu backen. Backhäuser, die gerne an Wasserläufen lagen, dienten dem Schutz vor Bränden und waren Orte der Kommunikation. In der Straße hatte der Nieder-Olmer Steinmetzbetrieb Weisenborn einen Brunnen mit roten Sandsteinblöcken gestaltet. 1991 lockerte Liesel Metten das Ensemble mit dem „Brezelfresser“ auf, wobei die Künstlerin einen Zusammenhang zum alten Backhaus herstellte. Die Brezel ist wohl das älteste „Formgebäck“ und regional weit verbreitet. Die Brezel, deren häufigste Variante die Laugenbrezel ist, ist eine typische Fastenspeise. Im Vordergrund frisst der riesige „Brezelfresser“ eine Brezel. Auf der Mauer liegen drei Brote, welche von einer Maus begierig beäugt werden. Das Schaf, welches in der ganzen Szene etwas am Rande steht, hat sich verirrt; denn eigentlich gehört es zu der Gruppe „Schafherde mit Schäfer“, die nicht weit entfernt am Recey-Platz steht (Station 27). Dies alles wurde in Styropor und Gips modelliert, mit dem Zug nach Landshut transportiert und in Bronze gegossen.

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Station 20: Kruzifix (Backhausstraße)

Kruzifix in der Backhausstraße, 1914[Bild: Elmar Rettinger]

Das aufwendig gestaltete Kreuz in der Backhausstraße trägt die Inschrift: ERRICHTET IN DEM KRIEGSJAHRE 1916. Es ist ein Symbol für die Not zur Zeit dieser „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Ursprünglich rechnete man Anfang des 19. Jahrhunderts damit, dass bei Mainz die Frontlinie einer militärischen Auseinandersetzung des Reiches mit seinem „Erbfeind“ Frankreich verlaufen könnte. Daher wurde die „Selzstellung“, eine der modernsten Befestigungsanlagen der Zeit, gebaut. Auch wenn die Frontlinie nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 an anderer Stelle verlief, befand sich im Hinterland die „Heimatfront“. Der Krieg prägte Wirtschaft und Alltagsleben. Die anfängliche Kriegsbegeisterung wich auch in Nieder-Olm schnell der Ernüchterung. Anton Weisrock (1913-1982) er- innert sich: „Dann kam der Erste Weltkrieg, von dem wir in den ersten Jahren nur das feierliche Geläute der Glocken und den Jubel und die Begeisterung verstanden, wenn eine Schlacht über die Franzosen gewonnen war. Oder wenn sich unsere Verwandten in Uniform zur Front verabschieden mussten. Als dann der eine oder andere nicht mehr heimkam, junge Ehefrauen und Mütter immer mehr schwarze Kleider trugen, schlich sich allmählich eine gedrückte Stimmung in unser Leben.“ Zusammen mit dem Kreuz erinnern weitere Denkmäler in Nieder-Olm an das Leiden in der damaligen Zeit. Dazu gehören eine Gedenktafel für die Gefallenen bei der evangelischen Kirche und das Denkmal von Heinz Müller-Olm auf dem christlichen Friedhof (Station 16).

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Gedenktafel für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen[Bild: Elmar Rettinger]

Station 21: Synagoge (Mittelgasse, ehemalige Synagogengasse)

Gedenktafel an der Stelle der ehemaligen Synagoge[Bild: Elmar Rettinger]

Juden gab es in Nieder-Olm schon im 13. Jahrhundert. Über lange Jahrhunderte als Minderheit unterdrückt, galten sie im 19. Jahrhundert als gleichberechtigte Bürger – eine trügerische Gleichberechtigung, wie die Ereignisse nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Jahre 1933 zeigen sollten. Nachdem die Nieder-Olmer Juden bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zur jüdischen Gemeinde in Hahnheim gehört hatten, war ihre Zahl so stark angewachsen – für den Gottesdienst waren 10 jüdische Männer notwendig –, dass sie 1855 eine eigenständige Gemeinde gründen konnten. 1858 wurde eine kleine Synagoge gebaut, deren Betsaal die Maße von ca. 5m Länge und 3,5m Breite hatte. Vorbeter aus benachbarten Gemeinden versahen den Gottesdienst, zeitweise wohnte auch ein Religionslehrer und Kantor am Ort. Nachdem es schon im 19. Jahrhundert immer wieder zu antisemitischen Aktionen im Ort gekommen war, verließen nach 1933 zahlreiche Juden Nieder-Olm, so dass schon 1935 die israelitische Gemeinde in Nieder-Olm faktisch nicht mehr existierte. Die nicht mehr genutzte Synagoge wurde 1938 an einen Nachbarn verkauft und von diesem als Lagerraum verwendet. Bei einem Luftangriff Anfang 1945 wurde das Gebäude schwer beschädigt und brannte völlig aus. Anlässlich der 50. Wiederkehr des Holocaust erinnerte die Stadt Nieder-Olm erstmals an ihre frühere israelitische Glaubensgemeinschaft. Gemeinsam mit dem Kantor der jüdischen Kultusgemeinde Mainz wurde durch den damaligen Nieder-Olmer Bürgermeister am 11. November 1988 eine Gedenktafel eingeweiht. Darüber wurden 2012 26 „Stolpersteine“ zum Gedenken an die jüdischen Mitbürger Nieder-Olms verlegt.

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Stolpersteine in Nieder-Olm

Stolperstein vor dem Haus Pariser Straße 56[Bild: Anette Pospech]

1933 wurden in Nieder-Olm 23 jüdische Einwohner gezählt. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten sind die meisten der hier noch wohnhaften Juden vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Boykottes, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien ausgewandert oder nach Mainz bzw. Wiesbaden verzogen. Im Mai 1939 lebten nur noch zwei jüdische Personen am Ort. Folgende Nieder-Olmer Juden wurden in den Konzentrationslagern ermordet: Else Blättner geb. Mayer (1908), Betty (Barbara) Goetz geb. Mayer (1879), Johanna Jacobi geb. Klein (1855), Eugenie Kirchheimer geb. Schaffner (1885), Albert Kramer (1866), Justine Kramer geb. Selig (1869), Bertha Levy geb. Mayer (1875), Elisabeth (Betty) Mayer geb. Mann (1885), Otto Mayer (1881), Anna Nachmann geb. Neumann (1872), Franziska Neumann geb. Mayer (geb. ?), Josef Neumann (geb. 1904) und Georgine Wolf geb. Deutsch (1885). 1992 startete der Kölner Künstler Gunter Demnig sein Projekt „Stolpersteine“. Diese sollen an die Menschen erinnern die von den Nazis deportiert wurden und meist dem Holocaust zum Opfer fielen. Gunter Demnig fertigt und verlegt die Steine selbst. Mit 70.000 Steinen (2018) ist es inzwischen das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Eine Nieder-Olmer Projektgruppe mit Teilnehmern aus den Kirchengemeinden, von Vereinen und der Stadt plante die Verlegung von „Stolpersteinen“ für die zwischen 1936 und 1945 ermordeten jüdischen Personen. Am 17. November 2012 wurden in Nieder-Olm, überwiegend in der Pariser Straße, 26 dieser Mahnmale verlegt.

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Station 22: „Blindenhund“ (Kleine Untergasse)

"Blindenhund", Liesel Metten 2016[Bild: Elmar Rettinger]
Skulptur des Nieder-Olmer Fotografen Rudi Klos (1927-1995)[Bild: Elmar Rettinger]

Die Nieder-Olmer Künstlerin Liesel Metten schuf mit acht Kindern der nach ihr benannten Förderschule (Liesel-Metten-Schule mit dem Förderschwerpunkt motorische Entwicklung) eine sicherlich nicht nur regional herausragende Bronzeskulptur. Der „Blindenhund“ ist in der Kleinen Untergasse zu bewundern. Zwei Prinzipien leiteten die Künstlerin bei diesem Werk: „Ich bleibe meinen Tieren treu, und die Werke müssen bespielbar sein“, sagte die Künstlerin bei der Einweihung der Figur im Jahre 2016. Mit dem Blindenhund können Kinder, aber auch Erwachsene, Rheinhessen ertasten. Dabei gibt es viel zu entdecken: den Baum aus dem Nieder-Olmer Stadtzentrum, eine Selzbrücke, ein für die rheinhessische Weinlandschaft typisches Wingertshäuschen, einen Trullo, drei Pappeln, eine alte Scheune und ein Schaf, das sich möglicherweise vom nicht weit entfernten Recey-Platz hierher verirrt hat - rheinhessische und Nieder-Olmer Symbolik pur. Am Rande beobachtet der berühmte Nieder-Olmer Fotograf Rudi Klos (1927-1995) die Szene. Möglich wurde das Werk durch den Verzicht der Künstlerin auf ein Honorar und die finanzielle Unterstützung durch den Kulturfonds Peter E. Eckes.

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Station 23: Woogmühle (Bussolengoplatz 6)

Ehemalige Woogmühle (1829-1888)
[Bild: Elmar Rettinger]

Als „Woog“ bezeichnete man eine tiefe Stelle im Wasser. In der Flur „Am Kleinen Woog“ gab es schon im 18. Jahrhundert kleinere Mühlen, die sich nicht genau lokalisieren lassen. Die Flur liegt im unteren Bereich des Gemeindebachs, der durch die Backhausstraße und die Kleine Untergasse floss, um dann in die Selz zu münden. In diesem Bereich betrieb die Familie Schwartz schon um 1700 eine Mühle. Als Philipp Schwarz 1828 beim Kreisamt in Mainz den Antrag stellte, dort eine neue Mühle zu errichten, traf er auf den Widerstand der Gemeinde und der Pfarrei, die sich um die ausreichende Bewässerung der gemeindeeigenen Tuchbleiche bzw. der Pfarrwiese sorgten. Philipp Schwarz konnte sich allerdings durchsetzen. Im 19. und 20. Jahrhundert wechselte die Mühle mehrfach den Besitzer. Zumindest im äußeren Erscheinungsbild ist die Woogmühle kaum verändert. Obwohl erst nach 1828 erbaut, weist sie noch in Proportionen und Dachform kennzeichnende Merkmale des spätbarocken Bauens auf. Der breitgelagerte, eingeschossige Putzbau vereinigte Wohnung und Mahlraum unter seinem Krüppelwalmdach. Im Rahmen der städtebaulichen Umgestaltung des westlichen Stadtrandes wurde die ehemalige Mühle restauriert und zu einem Restaurant umgebaut. Weitere Mühlen in Nieder-Olm: Bischofsmühle (1491, Station 11), Wingertsmühle (vor 1512–1890), Wiesenmühle (vor 1577-1959), Eulenmühle (1718-1869, Station 31), Mittlere Ecklocher Mühle (1788-1912), Hubertusmühle (1888-1989), Untere Ecklocher Mühle (vor 1798–1909), Obere Ecklocher Mühle (1841-ca.1920).

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Station 24: Ludwig-Eckes Festhalle (Pariser Straße 151)

Ludwig Eckes Festhalle[Bild: Elmar Rettinger]
"Schneckenspur", Liesel Metten 2001[Bild: Elmar Rettinger]

1997 wurde die Ludwig-Eckes Festhalle errichtet. Sie ist so etwas wie die gute Stube der Stadt und trägt dazu bei, die regionale Bedeutung der Stadt Nieder Olm zu unterstreichen. Der große Saal bietet Platz für 700 Personen. Kulturelle und wirtschaftliche Veranstaltungen finden hier statt. In diesem Zusammenhang sind insbesondere die jährlich stattfindenden Agrartage zu nennen. Die Besucherzahl stieg 2019 auf rund 14.000. Mehr als 400 Aussteller stellten auf 16.500 Quadratmetern Ausstellungsfläche ihre Produkte und Dienstleistungen vor. Zwei Wochen vor Fastnacht und an den Fastnachtstagen ist die Halle fest in der Hand des Nieder-Olmer Carneval-Clubs, der hier als einer der großen Clubs der Region mit seinen Veranstaltungen die Fastnacht, 2019 als heimatliches Brauchtum pflegt. Der NOCC ist stolz auf seine Garde, die zur Zeit ca. 120 Gardistinnen und Gardisten zählt. Fünf Tanzgruppen - die jüngsten Tänzerinnen und Tänzer sind drei Jahre - trainieren das ganze Jahr und zeigen ihr Können in Garde- und Showtänzen an Fastnacht, bei Wettbewerben und bei besonderen Veranstaltungen des NOCC. Den Wettbewerb „Kunst am Bau“ vor der Ludwig- Eckes Halle gewann 2001 Liesel Metten mit ihrer Skulptur „Schneckenspur“. Drei Weinbergschnecken ziehen quer über den Rasen auf den auf einem kleinen Hügel hockenden Schneckenroller zu. Sie bewegen sich nah am Restaurant vorbei, wo der Koch schon den Knoblauch bereithält und die Messer wetzt. Die vier Skulpturen wurden in Mainz-Kastel in Bronze gegossen.

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Station 25: Wohnhaus (Pariserstraße 127)

Wohnhaus Pariserstraße 127[Bild: Elmar Rettinger]

Das Haus Pariser Straße 127 wurde 1817 vermutlich für einen Schornsteinfeger als eines der ersten Gebäude außerhalb des ehemaligen Befestigungsringes errichtet. Das Wohnhaus setzt die Tradition des Fachwerkbaus im Ort fort. Einer der späteren Eigentümer war der Friedensrichter Dr. Johann Adolf Grode (1792- 1888). Weitere Eigentümer waren der Rübenzuckerfachmann und Mitbegründer der Zuckerfabrik Groß- Gerau (1883), Theodor August Bergsträßer sowie der Landwirt Anton Schewes. In den 70er Jahren diente das Haus als Wohnung der Familie Crass, welche die neben dem Wohnhaus stehende ehemalige Scheune zur „Weinstube Crass“ mit Hotel ausbauten. Der freistehende Satteldachbau verfügt über ein Obergeschoss in Fachwerk, das mit der ortstypischen Bretterverkleidung aus der Zeit um 1900 verkleidet ist. Beim gut erhaltenen Innenausbau fallen die Türen mit farbig verglasten Lichtöffnungen und das fein gedrechselte Treppengeländer ins Auge. 2011 erwarb Peter E. Eckes die Immobilie und restaurierte das gesamte Anwesen mit viel Liebe zum Detail als Landgasthof und Hotel. Im ehemaligen Wohngebäude öffnete 2013 - hervorgegangen aus einem Blumenstand auf dem Nieder-Olmer Markt - „Blums Café – Floristik & Dekoration“ seine Pforten. Die Gesamtanlage ist ein lebendiges Beispiel gelungener städtebaulicher Architektur, in der Tradition und Moderne verbunden wurde.

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Station 26: Fachwerkhaus (Alte Landstraße 10)

Alte Landstraße 10, ein für die Barockzeit typischer Hof[Bild: Dieter Krienke (GDKE)]
Inschrift am Kellerbogen der Scheune mit den Initialen des Bauherrn[Bild: Dieter Krienke (GDKE)]

Das Anwesen Alte Landstraße 10 vermittelt ein anschauliches Bild vom bäuerlichen Leben in einem rheinhessischen Marktort des 18. Jahrhunderts. Es handelt sich um einen für die späte Barockzeit charakteristischen Hakenhof: Das Hauptgebäude steht mit dem Giebel zur Straße, und der Hof schließt mit der quergelagerten Scheune ab. Das um 1750 vom dalbergischen Hofmann Heinrich Scheuermann erbaute Wohnhaus ist in Mischbauweise errichtet. Auf dem gemauerten Erdgeschoss mit sandsteingerahmten Fenstern ruht eine ursprünglich auf Sicht berechnete Fachwerkkonstruktion, die im frühen 20. Jahrhundert durch eine für Nieder-Olm typische Bretterverschalung mit ausgesägten Verzierungen verkleidet wurde. Das Satteldach ist mit alten Biberschwanzziegeln eingedeckt. In die Hofwand wurde ein Brunnen eingebaut, der sowohl von außen als auch von innen zu bedienen war. Die Querscheune ist aus Bruchsteinen gemauert und trägt am Kellerbogen eine Inschrift mit dem Jahr der Erbauung und den Initialen des Bauherrn, Heinrich Scheuermann: „17 H SCH 56“. Der direkt benachbarte Recey-Platz trägt seinen Namen von der ältesten Nieder-Olmer französischen Partnerstadt (seit 1967) Recey-sur-Ource im Département Côte-d´Or.

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Station 27: „Schafherde mit Schäfer“ (Recey-Platz)

"Schafsherde mit Schäfer", Liesel Metten 1988[Bild: Elmar Rettinger]

Die von Liesel Metten im Jahr 1988 geschaffene Skulptur erinnert an vergangene Zeiten. Schäfer versorgten früher die Gemeinden mit Schaffleisch und Wolle. Der mit seiner Herde umherziehende Schäfer fungierte auch als Landschaftspfleger. Flurstücke, die nicht durch Schafe beweidet wurden, wären innerhalb kurzer Zeit mit Sträuchern und Bäumen zugewachsen. Gerade in Regionen mit Dreifelderwirtschaft war dies wichtig. Dabei wurde die Anbaufläche in drei Teile geteilt, wobei ein Teil immer ein Jahr brach lag und nicht bebaut wurde. Auf dem heutigen Recey-Platz stand früher die Ortswaage. Damals zogen Schäfer mit ihren Herden über diesen Platz auf ausgedehnte Weideflächen nach Ober-Olm. Die Skulpturengruppe steht auf einem Muschelkalkstein aus der Nieder-Olmer Wingertsmühle. Sie wurde in Wachs und Gips modelliert und in einer Landshuter Gießerei in Bronze gegossen. Da die von der Künstlerin in Wachs und Gips geschaffene Form bei der Fertigung zerstört werden muss, handelt es sich bei einem solchen Werk immer um ein Unikat.  

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Station 28: Schmiede Wettig (Ecke Enggasse / Alte Landstraße)

Schmiede Wettig[Bild: Elmar Rettinger]

Die Hofanlage an der Ecke Enggasse/Alte Landstraße, die sogenannte Schmiede Wettig, ist bis heute als ehemaliges Handwerker-Bauern-Anwesen anschaulich erlebbar. Schmiede waren in früheren Jahrhunderten die Universalhandwerker in ländlichen Gemeinden. Aus ihrer Werkstatt kamen Räder, Hufe für Pferde, Werkzeuge und alles aus Metall, was die dörfliche Gesellschaft benötigte. Eine Schmiede findet sich schon auf dem Mascopschen Plan von 1577, Schmiedemeister sind seit Mitte des 17. Jahrhunderts namentlich bekannt. Die einheitlich in Kalkbruchsteinmauerwerk erstellten Bauten der Schmiede Wettig dürften schon bald nach der Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet worden sein. Für das Jahr 1878 ist der Schmied Konrad Becker als Eigentümer bekannt. Das behäbige eingeschossige Wohnhaus mit Kniestock und die Schmiedewerkstatt wurden unter einem biberschwanzgedeckten Krüppelwalmdach zusammengefasst. Klappläden bereichern die äußere Erscheinung. Die Jahreszahl 1676 am Eingang zum tonnengewölbten Keller mit Brunnen spricht für die Einbeziehung von Bauteilen aus der Zeit vor dem pfälzischen Erbfolgekrieg. Die Schmiede zählt zu den letzten voll funktionsfähigen Werkstätten traditioneller Art in Rheinhessen. Das Inventar hat sich so gut wie vollständig erhalten. Anfang der 1980er Jahre erwarb die damalige Ortsgemeinde das Anwesen. Die Schmiede wurde im Anschluss in akribischer Kleinarbeit durch den damaligen Leiter des Bauhofes der Gemeinde, Willi Beismann, in ihrer äußeren Gestaltung wiederhergerichtet. Das Wohnhaus beherbergt heute eine Goldschmiedewerkstatt, die Scheune wurde für Ausstellungen ausgebaut. Die „Kulturschmiede“ bietet jungen Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit, ihre Arbeiten vorzustellen. Seit 2019 ist sie allerdings nicht mehr aktiv. Zurzeit bespielt der Verein "Glockwerks Lichte Kunstprojekte e.V." die Ausstellungsräumlichkeiten, wobei Künsterinnen und Künstler aller Altersstufen dort ausstellen können.

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Inneneinrichtung der Schmiede Wettig[Bild: Dieter Krienke (GDKE)]
Ausstellung mit Werken der Nieder-Olmer Künstlerin Monika Jung (https://der-hahn-lebt.de), Juli 2020[Bild: Elmar Rettinger]
Ausstellung mit Werken der Nieder-Olmer Künstlerin Monika Jung (https://der-hahn-lebt.de), Juli 2020[Bild: Elmar Rettinger]

Station 29: Schulzentrum (Karl-Sieben-Straße)

Das Nieder-Olmer Schulzentrum aus der Vogelperspektive (Luftbild 2019)[Bild: Luftbildagentur Rath]

Es begann alles mit einer Vision, des damaligen Bürgermeisters, der mit nachträglicher Zustimmung des Gemeinderates 130.000 m² Land im Süden der damaligen Gemeinde Nieder Olm kaufte. Bis heute entstand auf dieser Fläche eine beeindruckende Schullandschaft: ein Gymnasium mit zurzeit (2019) ca. 1650 Schülerinnen und Schülern, eine integrierte Gesamtschule mit ca. 850 Schülerinnen und Schülern, die Liesel-Metten-Schule mit den Förderschwerpunkt motorische Entwicklung, für ca. 150 Kinder, drei Sporthallen, eine kleinere Sporthalle bei der Liesel- Metten-Schule mit angegliederten Lehrschwimmbecken, eine Gymnastikhalle bei der Heinz-Kerz-Halle sowie eine Sportanlage mit 400m-Bahnen. Das Ganze eingebettet in viel Grün mit Kunstwerken von Heinz Müller-Olm und Liesel Metten und viel Platz für spielende Kinder und Jugendliche, aber auch mit Nischen zum Verweilen, Nachdenken, zur Unterhaltung und was es sonst noch so gibt. Das Schulzentrum ist sicherlich einer der Faktoren, die zur Beliebtheit der Stadt Nieder Olm als Wohnort und Heimat beigetragen hat. Die Schule hat und hatte Glück mit ihren Lehrerinnen und Lehrern und insbesondere auch mit ihren Schulleiterinnen und Schulleitern. Die Gesamtanlage, die auch noch die Möglichkeit zur Erweiterung bietet, dürfte im Land Rheinland-Pfalz einzigartig sein. Solange es hell ist, kann man in der Anlage auch spazieren gehen. Abends ist die mit einem Zaun beschlossene Gesamtanlage abgeschlossen. Schade, aber auch Schulen müssen vor Vandalismus geschützt werden.

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Station 30: Kunst im Schulzentrum (Karl-Sieben-Straße)

"Diskutierende Schüler", Heinz Müller-Olm 1977[Bild: Foto Seidl]
"Raupe", Liesel Metten 1977[Bild: ]
Sonnenuhr [Bild: Elmar Rettinger]

Die „Raupe“ aus dem Jahre 1977 ist das erste Werk Liesel Mettens in Nieder-Olm. Sie wurde für die damalige Hauptschule, die baulich den Grundstock der heutigen IGS bildet, als vierteilige Skulptur geschaffen, die sich teils unter und teils über der Erde bewegt. Die Raupe ist die erste Stufe der Metamorphose des Schmetterlings, so wie die Schule für die Schülerinnen und Schüler die erste Stufe des Lernprozesses für das Leben darstellt. Es handelt sich um ein Unikat, das aus Wachs und Gips als „verlorene Form“ geschaffen und zum damaligen Zeitpunkt in der eigenen Werkstatt des Ehepaars Metten gegossen wurde. Der „Große Falter“ aus dem Jahre 2009 ist die Fortentwicklung der Raupe, der ersten Figur Liesel Mettens. Als die Wilhelm-Holzamer-Schule erweitert und zur IGS-Schule gestaltet wurde, gesellte sich am Ende der Entwicklung Raupe-Puppe-Schmetterling der „Große Falter“ zur Raupe. Nicht mehr erdverbunden, sondern bereit, sich in die Lüfte zu erheben, frei und stark. Allerdings nicht mehr bespielbar, denn das hätte der Unfall Versicherungsverband der Gemeinden nicht mitgemacht. Bei den „Diskutierenden Schülern“ handelt es sich um vier Figuren aus Aluminium des Nieder-Olmer Künstlers Heinz Müller-Olm aus dem Jahre 1977. Schülerinnen und Schüler stehen im Gespräch mit ihrem Lehrer: Schule als Ort des Lernens, im Gespräch bleiben, zuhören, annehmen und Meinungsaustausch pflegen, Kommunikation als Grundlage und Fähigkeit zum Miteinander.

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Station 31: Eulenmühle (Außerhalb 26)

Eulenmühle[Bild: Foto Seidl]

„Und da hinten in der Lücke, da sah man sie, die Eulenmühle. Ihren weißen Giebel mit dem Fenster oben, ganz klar das Dreieck mit dem hohen Schornstein, der so kräftig aus dem Dache herauswuchs.“ So schilderte Wilhelm Holzamer um 1880 in seinem Roman „Der Entgleiste“ die Mühle. Die Mühle ist allerdings deutlich älter und schon um 1720 von Peter Michel errichtet worden. Der frühere Name der Mühle war „Alexis Mühle“, da die Einkünfte aus der Mühle an das dem hl. Alexius geweihte Hospital in Mainz flossen. Im Volksmund hieß sie aber schon seit 1723 „Eulenmühle“. Im Zuge der Säkularisation wurde die Mühle 1809 an Friedrich Hammerschmitt verkauft, der 1810 – die Jahreszahl findet man heute noch auf dem Türsturz über der Kellertreppe – eine Scheune bauen ließ. Um die Person des in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts nach Amerika ausgewanderten Eulenmüllers Melchior Seibert rankt sich die Legende vom Mord in der Eulenmühle. Von der Eule, die den Mörder immer wieder an sein Verbrechen erinnerte, soll die Mühle auch ihren Namen erhalten haben. 1871 kaufte die Hessische Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft die Mühle, die sie 1873 an den Bahnmeister Heinrich Kabey verkaufte, der sie wiederum 1892 an Johann Jochs aus Nieder-Saulheim veräußerte. 1949 kam die Mühle in den Besitz der Familie Debo. Seit 1997 konzentrierte man sich auf den Weinbau. Die Inhaber des Weingutes, die Winzermeister Kurt Debo und Sohn Christian, bewirtschaften derzeit eine Rebfläche von 20 ha. 2019 wurden eine Vinothek und eine neue Halle eingeweiht.

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Station 32: Bahnhof (Ludwig-Eckes-Allee 26)

Heutiger Bahnhof[Bild: Elmar Rettinger]
Bahnhof vor 1930[Bild: aus Nieder-Olmer Pitt]

Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs im 19. Jahrhundert war die Eisenbahn. Allerdings nahm die Hessische Ludwigsbahn erst mit großer Verzögerung in Rheinhessen ihren Dienst auf. In Berlin hatte man mit Blick auf den „Erbfeind“ Frankreich aus Sicherheitsgründen kein Interesse an linksrheinischen Bahnverbindungen. Erst am 18. Dezember 1871 wurde die Strecke Mainz-Alzey eingeweiht. Die Eisenbahn spielt in Wilhelm Holzamers Roman „Vor Jahr und Tag“ (1908) eine wichtige Rolle. Der erste 1894 erbaute Bahnhof existiert heute leider nicht mehr. Eine 2019 aufgestellte Gedenktafel auf dem Parkplatz am Bahnhof erinnert an die 13 Menschen, die in den Abendstunden des 3. Februars 1945 während eines schweren Bombenangriffs zu Tode kamen, darunter auch sieben Kinder. Der Bahnhof wurde damals völlig zerstört. Bis Anfang der 90er Jahre konnte man in einem eher provisorischen Bahnhof noch Fahrkarten kaufen, dann wurde der Bahnhofsbetrieb eingestellt. In jüngster Zeit wurde der Bahnhof im Auftrag der Investorengemeinschaft „Kern Schneider Jestaedt“ ausgebaut. Heute sind in dem Gebäude Büros und Gastronomie untergebracht. 2014 übernahm die vlexx GmbH, ein Eisenbahnunternehmen mit Sitz in Mainz, den Zugbetrieb. Heute ist Nieder-Olm mit Zug – Pendler können mit einigen Zügen ohne umzusteigen bis Frankfurt durchfahren – Autobahn und Busverbindungen verkehrstechnisch sehr gut mit dem Rhein-Main-Gebiet verbunden.

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Station 33: Eckes-Granini GmbH (Ludwig-Eckes-Platz 1)

Hauptsitz der Eckes-Granini-Gruppe in Nieder-Olm[Bild: Elmar Rettinger]

In Nieder-Olm befindet sich die Keimzelle der Eckes-Granini GmbH & Co. KG, des größten Saft- und Fruchtsaftgetränkehersteller Europas. 1857 gründete der erfolgreiche Transportunternehmer Peter Eckes (1804-1873) in Nieder-Olm ein Unternehmen, das sich zunächst auf das Herstellen und den Vertrieb von Spirituosen konzentrierte. Bereits ab den frühen 1930er Jahren baute man vorausschauend die Herstellung und Vermarktung von Fruchtsäften auf und aus. 1948/49 aus dem Krieg zurückgekehrt, machten Peter und Ludwig Eckes aus dem mittelständischen Betrieb ein Unternehmen von nationalem und europäischem Rang. Die Unternehmenspolitik war von der geschickten Einführung erschwinglicher Markenartikel sowie einer Wertschätzung der Mitarbeiter geprägt. Schon Anfang der 1970er avancierte Eckes nicht nur zum größten Arbeitgeber, sondern auch stärksten Steuerzahler Nieder-Olms und trug wesentlich zur Entwicklung der Gemeinde bei. Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Familienunternehmen von einem regional tätigen Spirituosenhersteller zu einem der führenden Markenhersteller von fruchthaltigen Getränken in Europa. Der Erwerb der internationalen Premiummarke granini führte 1994 zur Gründung der Eckes-Granini GmbH & Co. KG als eigenständige Gesellschaft für das Fruchtgetränkegeschäft. Mit dem kompletten Ausstieg aus dem Spirituosengeschäft hat sich die Eckes AG als Finanzholding der Eckes-Granini Gruppe 2006/2007 neuformiert und den Weg zum größten Saft- und Fruchtsaftgetränkehersteller Europas geebnet.

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